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Wo Glauben Raum gewinnt

In Vorpommern entsteht Deutschlands weiträumigste Pfarrei
10.03.2016 Anja Goritzka (KNA)
 
Seelsorge im Großformat
Eine Pfarrei mit 150 Kilometern Durchmesser erwartet man in fernen Ländern. Nun formiert sie sich in Vorpommern – von Rügen bis Altentreptow. Die katholische Minderheit wird zu kreativen Konzepten herausgefordert.

 

Spitzenzahlen weist das abgelegene Vorpommern zumeist bei Arbeitslosen oder Touristen auf. Bald kann die Region im Nordosten Deutschlands einen weiteren „Rekord“ bieten. Dort formiert sich derzeit Deutschlands flächenmäßig größte katholische Kirchengemeinde.

 

Von der Nordspitze der Insel Rügen bis Altentreptow im Süden

Sie entsteht von der Nordspitze der Insel Rügen über 150 Kilometer bis Altentreptow im Süden. Zu dem neuen „pastoralen Raum“ schließen sich drei bisherige Kirchengemeinden mit zusammen 6.530 Mitgliedern und elf Gottesdienstorten zusammen. Die Fusion erfolgt im Rahmen der laufenden Gemeindereform des Erzbistums Berlin, dem auch Vorpommerns Katholiken angehören. In der Region sind sie eine Drei-Prozent Minderheit.

 

Kardinal Woelki leitete als Berliner Erzbischof Reform ein

Den Zusammenschluss vereinbarten die Gemeinden in den vergangenen drei Jahren. Kurz zuvor erst hatte der damalige Berliner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, die Reform unter dem Motto „Wo Glauben Raum gewinnt“ eingeleitet. Bei einem Besuch Vorpommerns eröffnete dessen Nachfolger Heiner Koch am Mittwoch und Donnerstag in Stralsund und weiteren Städten für die künftige Großpfarrei die nächste Etappe des Reformprozesses. Nun sollen die Gemeinden mit anderen katholischen Institutionen wie der Caritas ein gemeinsames Konzept für die Aktivitäten ihres „pastoralen Raums“ entwickeln.

 

In der sich abzeichnenden Rekord-Pfarrei werden Chancen und Probleme des Reformprozesses besonders deutlich. Sie umfasst zwei ganz unterschiedliche Teilregionen. An der Ostseeküste ist fast immer Saison: Im Sommer kommen die Familien, zu den anderen Jahreszeiten sind es zumeist ältere Gäste. Urlauber sind oft besonders offen für pastorale Angebote, auch wenn sie sonst mit Kirche nicht viel zu tun haben. Dieser Erfahrung trägt das Erzbistum Rechnung und hat die Tourismusseelsorge verstärkt.

 

Soziale Beratung in einem Kleinbus?

Weitab vom Meer wachsen die Bedenken. „Wir hoffen, dass die Caritas bei uns in Demmin bleibt“, sagt Pfarrer Peter Szczerbaniewicz. Noch unterhält der Wohlfahrtsverband ein Begegnungszentrum in der Kleinstadt. Burghardt Siperko, Leiter der Caritas Vorpommern, kündigt jedoch an, dass die Arbeit „in dieser Form“ im kommenden Jahr wohl enden wird. Ganz will sich der Verband jedoch nicht zurückziehen.

 

Siperko kann sich soziale Beratung in einem Kleinbus vorstellen, der zwischen Altentreptow, Demmin und Grimmen über die Dörfer fährt. Ein entsprechendes Pilotprojekt lief ab 2014 mit einem „CariMobil“ in den weiter östlich gelegenen Städten Pasewalk und Anklam.

 

Für Siperko ist es vor allem eine Frage der Finanzierung. „Alleine kann die Caritas das nicht anbieten“, betont Vorpommerns Caritas-Chef. Entweder nimmt der Landkreis ein solches Beratungsangebot in seinen Sozialplan auf oder das Erzbistum beteiligt sich – das sind aus Siperkos Sicht die Alternativen.

 

Ehrenamtliche Unterstützung nötig

Angesichts des verschwindend kleinen Katholikenanteils in der Fläche als Kirche präsent zu sein, ist für ihn die größte Herausforderung der Gemeindereform. Das Ehrenamt wird deshalb eine noch größere Rolle spielen als jetzt schon. In Demmin engagieren sich katholische Christen bereits in der Seniorenarbeit, stehen in Stralsund als Begleiter im ambulanten Hospizdienst zur Verfügung oder helfen in Barth Flüchtlingen. Auf Rügen organisiert die Gemeinde jährlich im Sommer für ganz Vorpommern eine Marienwallfahrt nach Sellin.

Welche Schwerpunkte der entstehende pastorale Raum Demmin-Stralsund-Rügen künftig setzen oder stärken wird, zeichnet sich noch nicht ab. „Wie wir uns zusammenfinden, werden die kommenden beiden Jahre zeigen“, betont der Stralsunder Pfarrer Andreas Sommer. Nach dem „Startschuss“ von Erzbischof Koch berät darüber nun ein Gremium mit Vertretern aus allen Gemeinden und weiteren katholischen Einrichtungen.

 


 

Von der Tollense bis nach Rügen

Demmin, Stralsund und Bergen auf dem Weg zum ersten pastoralen Raum in Vorpommern

20. November 2015 Anja Goritzka

 

In den kommenden Wochen setzt Erzbischof Heiner Koch den Startschuss zur Entwicklungsphase des ersten Pastoralen Raums in Vorpommern. Ab da werden die Pfarreien Maria Rosenkranzkönigin Demmin, Heilige Dreifaltigkeit Stralsund und Sankt Bonifatius Bergen auf Rügen sich auf den Weg machen, eine Pfarrei zu entwickeln, die der Fläche nach künftig die größte katholische Pfarrei Deutschlands sein wird.

 

Leicht fiel es den Demminern nicht, sich einem Pastoralen Raum anzuschließen. „Uns war es wichtig, dass wir nicht schon wieder zerrissen werden“, bestätigt der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates Herbert Frank. Erst im Jahr 2004 fusionierten die Pfarreien Demmin, Altentreptow und Grimmen. Dass der Pastorale Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ diesen Schritt wieder rückgängig macht, und sich Grimmen vielleicht einem anderen Pastoralen Raum anschließen soll, das lehnte die Pfarrei ab. „Wenn, dann gibt es uns nur als Gesamtpaket“, betont Frank.

 

Eine Umfrage unter den rund 2.000 Katholiken der Pfarrei entschied letztendlich, welche Möglichkeit eines Pastoralen Raums – Anklam und Greifswald oder Stralsund und Rügen – von Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat weiter verfolgt werden soll. „Schnell war klar, dass wir zum Beispiel mit Anklam keine Gemeinsamkeiten haben. Und Greifswald ist so groß und sehr aktiv durch die Universität, da könnten wir es schwer haben“, räumt Frank ein. „Die meisten fühlen sich zu Stralsund hingezogen. Das liegt auch an der historischen Prägung.“

 

Historisch miteinander verbunden

Demmin und Stralsund verbinden eine gemeinsame Geschichte. Um 1839 wandten sich die Demminer Katholiken an den Stralsunder Pfarrer Wendelin Zink, dass er ihnen regelmäßig die heilige Messe lese. Zink fuhr auch nach Rügen, um auf der Insel Messen in Privathäusern zu halten. 1842 feierte sein Nachfolger mit 26 Gläubigen im Demminer Rathaus erstmals Gottesdienst. Fortan wechselten sich die Geistlichen aus Stralsund und Greifswald ab. 1869 bekam Demmin einen eigenen Pfarrer. Doch schon 1896 war die Gemeinde erneut ohne Priester und erneut auf die geistliche Hilfe aus Stralsund angewiesen, was durch die seit 1878 existierende Bahnverbindung zwischen den Pfarrorten erleichtert wurde.

 

Auch heute fahren zwischen den drei Pfarrorten Demmin, Stralsund und Bergen auf Rügen, stündlich Züge. Der geplante Pastorale Raum, für den sich diese drei Pfarreien entschieden haben, erstreckt sich von Süd nach Nord über 150 Kilometer, von Altentreptow am kleinen Fluss der Tollense bis an die Nordspitze Rügens, gute anderthalb Stunden mit dem Zug. In ihm leben 6.500 katholische Christen, rund drei Prozent der Gesamtbevölkerung. Die drei Pfarreien verfügen über zwölf Gottesdienstorte, darunter zehn Kirchen, von Altentreptow und Demmin im Süden über Grimmen, Richtenberg und Stralsund (Pfarrkirche und Kapelle im Seniorenheim) in der Mitte bis hin zu Zingst und Barth sowie Bergen, Binz, Garz und Sellin im Norden. Derzeit wirken dort zwei Pfarrer, ein Pfarrvikar, ein Diakon, eine Gemeindereferentin und ein Gemeindereferent. Religionsunterricht, in Mecklenburg-Vorpommern Pflichtfach, wird nachmittags gegeben, oftmals klassenübergreifend. Besonders ehrenamtliche Unterstützung durch die Gemeindemitglieder ist enorm wichtig. So setzen sich katholische Christen in Demmin für ihre Senioren ein oder stehen in Stralsund als Begleiter im ambulanten Hospizdienst zur Verfügung. Auf Rügen organisiert die Gemeinde jährlich im Sommer für ganz Vorpommern die Marienwallfahrt nach Sellin. In Stralsund bildet die Ökumene ein wichtiges Feld, von ökumenischen Gesprächen im Pfarrkeller hin zum ökumenischen Kreuzweg durch die Hansestadt.

 

Caritas und Tourismusseelsorge

Wo liegen die Potenziale einer künftigen Pfarrei, was zeichnet sich schon heute ab? In Stralsund ist die Caritas eng mit der Gemeinde verbunden. Das Seniorenzentrum St. Joseph, der ambulante Hospizdienst, die Sozialstation und die offene Sozialberatung der Caritas bieten Anlaufpunkte für Hilfesuchende aber auch für Ehrenamtliche. Außerdem betreibt die Pfarrei eine katholische Kindertagesstätte. Die Malteser engagieren sich in Stralsund mit einem Hundebesuchsdienst und „Essen auf Rädern“.

 

In den Touristenhochburgen an der Ostsee zeigt sich in der Urlauberseelsorge ein notwendiges Aufgabenfeld. Allein die Inseln Rügen und Hiddensee verzeichnen rund sechs Millionen Übernachtungen im Jahr. Saison ist immer. Während im Sommer die Familien die Inseln erobern, sind es im Herbst und Winter die älteren Gäste, die den nördlichen Teil Vorpommerns erkunden wollen. Wie gut Seelsorgeangebote für Touristen angenommen werden, zeigten in den beiden vergangenen Sommern die Projekte des Erzbistums Berlin „Urlaub für die Seele“, die in Binz und in Zingst durchgeführt wurden. Ab dem 1. Januar 2016 soll sich nun ein eigener Tourismusseelsorger dieser Herausforderung annehmen.

 

Und in Demmin? In der Hansestadt an der Peene ist vom Massentourismus der Ostsee nur wenig zu spüren. Und auch das Engagement der Caritas fällt geringer aus als in Stralsund. In der 12.000-Einwohnerstadt betreibt die Caritas bislang ein Stadtteilbegegnungszentrum und bietet Jugendgerichtshilfe. „Wir hoffen, dass insbesondere die Caritas hier bei uns in Demmin bleibt“, meint Pfarrer Peter Szczerbaniewicz. Das sieht derzeit jedoch schwierig aus. „Wir werden unsere Arbeit in der Begegnungsstätte in Demmin in dieser Form 2017 beenden“, bestätigt auch Burghardt Siperko, Leiter der Caritas Vorpommern. So haben sich aus dem Angebot der Tagesstätte keine weiteren Angebote entwickelt. Er räumt aber auch ein, dass dies kein automatischer Rückzug sein soll. Soziale Beratung in einem Kleinbus, der zwischen Altentreptow, Demmin und Grimmen über die Dörfer fährt, kann er sich auch gut vorstellen. Das Pilotprojekt dazu läuft seit 2014 mit dem CariMobil in den Bereichen Pasewalk und Anklam in Vorpommern. „Das ist aber auch eine Frage der Finanzierung: Entweder muss der Landkreis so eine Beratungsform in den örtlichen Sozialplan mitaufnehmen oder das Bistum steigt mit in die Finanzierung ein. Alleine kann die Caritas das nicht anbieten“, ist Burghardt Siperko überzeugt. Wie die ländliche Diasporaregion weiterhin in die Caritas-Arbeit einbezogen werden kann, sieht er in der kommenden Entwicklungsphase deshalb als Herausforderung für alle Beteiligten. „Orte des Zuhörens“, Ansprechpartner in den Kirchengemeinden, die einen Erstkontakt bieten und Hilfe vermitteln, könnte eine Antwort sein.

 

Welche Schwerpunkte sich der künftige Pastorale Raum Demmin-Stralsund-Rügen künftig setzt, wie sich Gemeinden und Orte kirchlichen Lebens ausrichten und vernetzen, wie die verschiedenen Regionen in der künftigen Pfarrei zur Geltung kommen, all das wird in der anstehenden Entwicklungsphase vor Ort erarbeitet. Daher betont auch Andreas Sommer, Pfarrer von Stralsund und in Bergen: „Wie wir uns zusammenfinden, werden die nächsten drei Jahre zeigen.“

 

 


 

WO GLAUBEN VOR ORT RAUM GEWINNT
Drei herausfordernde Jahre
Stabsstellenleiter Markus Weber über den Weg der Entwicklungsphase

Nun wird es konkret auf dem Weg zu neuen Pfarreien im Erzbistum Berlin. Die ersten Pfarreien bilden Pastorale Räume. Markus Weber leitet die Stabsstelle des Erzbischofs „Wo Glauben Raum gewinnt“. Sie bildet die Schnittstelle zwischen dem Pastoralen Prozess in den Gemeinden und dem Erzbischöflichen Ordinariat, zwischen den Verantwortlichen vor Ort und Erzbischof Heiner Koch. Mit Weber sprach Alfred Herrmann über die anstehende Entwicklungsphase.

 

Was erwartet die Beteiligten in den kommenden drei Jahren?

Mit der Entwicklungsphase beginnen die Pfarreien eines Pastoralen Raums gemeinsam mit den Orten kirchlichen Lebens einen geistlichen Prozess. Sie erarbeiten und treffen Entscheidungen zu pastoraler Ausrichtung und strukturellen Fragen. Das werden drei herausfordernde Jahre, geprägt von Fragen im Jetzt und Heute und der gemeinsamen Suche nach Antworten und Wegen für die Zukunft. Es gilt, Gutes zu bewahren, Neues zu versuchen, Grenzen zu überwinden, Abschied zu nehmen, Netzwerke zu bilden, den Glauben zu stärken, aber auch, die Ressourcen im Blick zu behalten.

 

Gibt es dabei einen Königsweg?

Ganz klar: Nein. Es gibt nicht einen Weg, sondern jeder Pastorale Raum muss seinen eigenen Weg suchen und gestalten. Das Erzbischöfliche Ordinariat wird dies begleiten und unterstützen. Ob sich jedoch ein Raum zu einem lebendigen Ort entwickeln wird, liegt in der Verantwortung der Menschen in den Orten kirchlichen Lebens und den Gemeinden vor Ort.In der Entwicklungsphase soll ein Pastoralkonzept für die künftige, neue Pfarrei erstellt werden.

 

Was ist das eigentlich?

Ein Pastoralkonzept ist eine schriftliche Vereinbarung, wie sich das Leben der Kirche in einer künftigen Pfarrei mit seinen Gemeinden und Orten kirchlichen Lebens gestalten soll. Es stellt Fragen und enthält konkrete Projekte und Lösungsansätze im Kleinen wie im Großen: Wozu fordert das Evangelium uns als Kirche in unserem Pastoralen Raum heraus? Was will Gott von uns an dem Ort, an dem wir leben? Was bewegt die Menschen in unserem Umfeld? Welche Zielgruppen nehmen wir besonders in den Blick? Was werden Schwerpunkte unserer Arbeit sein? Welche Dinge werden wir nicht mehr tun? Wo suchen Menschen in unserer Umgebung nach Hilfe, nach Stärkung im Glauben? Wie wollen wir Menschen im Glauben begleiten? Wie können sich Gemeinden und Orte kirchlichen Lebens vernetzen?

 

Und was soll in einem solchen Konzept stehen?

Ein Pastoralkonzept sollte möglichst konkret formuliert sein, um eine notwendige Arbeitsgrundlage für ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter zu bilden. Es macht Aussagen zur Zusammenarbeit und Umsetzung der Schwerpunkte unter Berücksichtigung der personellen und materiellen Möglichkeiten. Die enthaltenen Ziele müssen überprüfbar sein und in Zukunft weiterentwickelt werden können. Aus meiner Sicht muss Sehen, Urteilen und Handeln das Grundprinzip des Konzeptes sein!Erarbeitet wird dieses Zukunftspapier vor Ort im Pastoralen Raum. Möglichst viele Personen sollen daran beteiligt werden.

 

Wie wird das möglich?

Im ersten Jahr der Entwicklungsphase wird ein sogenannter Pastoralausschuss gebildet, in dem der Austausch zwischen den Pfarreien und den Orten kirchlichen Lebens stattfindet. Dort werden alle Absprachen und Entscheidungen über relevante Themen des Pastoralen Raums auf die neue Pfarrei hin getroffen. Im Pastoralausschuss sind Vertreter der Pfarreien und der Orte kirchlichen Lebens, alle Akteure kirchlichen Lebens präsent: Pfarreien, muttersprachliche Gemeinden, die Caritas, Kitas, katholische Schulen, Orden, Religionslehrkräfte, katholische Krankenhäuser und


Senioreneinrichtungen, Vertreter der Ökumene, Kirchenmusik, Vertreter der Jugend. Im Pastoralausschuss bildet sich die Vielfalt eines Pastoralen Raums ab.

 

Gibt es weitere Gremien?

Ja, aus dem Pastoralausschuss bildet sich eine Steuerungsgruppe. Sie koordiniert die Entwicklungsphase vor Ort, sammelt Ergebnisse und bereitet Entscheidungen vor. Sie besteht aus dem Leiter der Entwicklungsphase, dem Verwaltungsleiter sowie vier gewählten Vertretern des Pastoralausschusses, darunter mindestens zwei ehrenamtliche Mitglieder.

 

Was unterscheidet die Pfarrei der Zukunft von den Pfarreien von heute?

Die zukünftige Pfarrei lebt als Pastoraler Raum. Die Vielfalt von Gemeinden und Orten kirchlichen Lebens sorgt für ein anderes, ein neues Miteinander. Die bisher gekannten Rollenbilder des pastoralen Personals werden sich stark verändern und die Charismen des Einzelnen werden eine neue Bedeutung erhalten. Auch die gemeinsame Verantwortung von ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern wird sich neu gestalten.

 

Wo liegen in Zukunft die zentralen Herausforderungen für die Pfarreien?

Die künftigen Pfarreien bestehen aus Gemeinden und Orten kirchlichen Lebens. Sie arbeiten in einem Netzwerk zusammen und gestalten die Pastoral. Darin liegen Chance und Herausforderung. Denn es gilt, eine Pfarrei in Bewegung zu sein, nicht still zu stehen, sondern sich immer wieder neu den wesentlichen Fragen der Zeit zu stellen. „Was bleiben will, muss sich ändern“, steht auf einem Plakat in meinem Büro. Es wird notwendig sein, diese Dynamik – Pfarrei, Gemeinde, Ort kirchlichen Lebens – zu leben und Veränderung als etwas Positives und Erneuerndes wahrzunehmen.

 

 


 

von: Anja Goritzka, 20. November 2015

 

Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

Von der Tollense bis nach Rügen: Demmin, Stralsund und Bergen auf dem Weg zum ersten pastoralen Raum in Vorpommern

 

In den kommenden Wochen setzt Erzbischof Heiner Koch den Startschuss zur Entwicklungsphase des ersten Pastoralen Raums in Vorpommern. Ab da werden die Pfarreien Maria Rosenkranzkönigin Demmin, Heilige Dreifaltigkeit Stralsund und Sankt Bonifatius Bergen auf Rügen sich auf den Weg machen, eine Pfarrei zu entwickeln, die der Fläche nach künftig die größte katholische Pfarrei Deutschlands sein wird.

 

Leicht fiel es den Demminern nicht, sich einem Pastoralen Raum anzuschließen. „Uns war es wichtig, dass wir nicht schon wieder zerrissen werden“, bestätigt der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates Herbert Frank. Erst im Jahr 2004 fusionierten die Pfarreien Demmin, Altentreptow und Grimmen. Dass der Pastorale Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ diesen Schritt wieder rückgängig macht, und sich Grimmen vielleicht einem anderen Pastoralen Raum anschließen soll, das lehnte die Pfarrei ab. „Wenn, dann gibt es uns nur als Gesamtpaket“, betont Frank.

 

Eine Umfrage unter den rund 2.000 Katholiken der Pfarrei entschied letztendlich, welche Möglichkeit eines Pastoralen Raums – Anklam und Greifswald oder Stralsund und Rügen – von Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat weiter verfolgt werden soll. „Schnell war klar, dass wir zum Beispiel mit Anklam keine Gemeinsamkeiten haben. Und Greifswald ist so groß und sehr aktiv durch die Universität, da könnten wir es schwer haben“, räumt Frank ein. „Die meisten fühlen sich zu Stralsund hingezogen. Das liegt auch an der historischen Prägung.“


Historisch miteinander verbunden
Demmin und Stralsund verbinden eine gemeinsame Geschichte. Um 1839 wandten sich die Demminer Katholiken an den Stralsunder Pfarrer Wendelin Zink, dass er ihnen regelmäßig die heilige Messe lese. Zink fuhr auch nach Rügen, um auf der Insel Messen in Privathäusern zu halten. 1842 feierte sein Nachfolger mit 26 Gläubigen im Demminer Rathaus erstmals Gottesdienst. Fortan wechselten sich die Geistlichen aus Stralsund und Greifswald ab. 1869 bekam Demmin einen eigenen Pfarrer. Doch schon 1896 war die Gemeinde erneut ohne Priester und erneut auf die geistliche Hilfe aus Stralsund angewiesen, was durch die seit 1878 existierende Bahnverbindung zwischen den Pfarrorten erleichtert wurde.

 

Auch heute fahren zwischen den drei Pfarrorten Demmin, Stralsund und Bergen auf Rügen, stündlich Züge. Der geplante Pastorale Raum, für den sich diese drei Pfarreien entschieden haben, erstreckt sich von Süd nach Nord über 150 Kilometer, von Altentreptow am kleinen Fluss der Tollense bis an die Nordspitze Rügens, gute anderthalb Stunden mit dem Zug. In ihm leben 6.500 katholische Christen, rund drei Prozent der Gesamtbevölkerung. Die drei Pfarreien verfügen über zwölf Gottesdienstorte, darunter zehn Kirchen, von Altentreptow und Demmin im Süden über Grimmen, Richtenberg und Stralsund (Pfarrkirche und Kapelle im Seniorenheim) in der Mitte bis hin zu Zingst und Barth sowie Bergen, Binz, Garz und Sellin im Norden. Derzeit wirken dort zwei Pfarrer, ein Pfarrvikar, ein Diakon und vier Gemeindereferentinnen und -referenten. Religionsunterricht, in Mecklenburg-Vorpommern Pflichtfach, wird nachmittags gegeben, oftmals klassenübergreifend. Besonders ehrenamtliche Unterstützung durch die Gemeindemitglieder ist enorm wichtig. So setzen sich katholische Christen in Demmin für ihre Senioren ein oder stehen in Stralsund als Begleiter im ambulanten Hospizdienst zur Verfügung. Auf Rügen organisiert die Gemeinde jährlich im Sommer für ganz Vorpommern die Marienwallfahrt nach Sellin. In Stralsund bildet die Ökumene ein wichtiges Feld, von ökumenischen Gesprächen im Pfarrkeller hin zum ökumenischen Kreuzweg durch die Hansestadt.


Caritas und Tourismusseelsorge
Wo liegen die Potenziale einer künftigen Pfarrei, was zeichnet sich schon heute ab? In Stralsund ist die Caritas eng mit der Gemeinde verbunden. Das Seniorenzentrum St. Joseph, der ambulante Hospizdienst, die Sozialstation und die offene Sozialberatung der Caritas bieten Anlaufpunkte für Hilfesuchende aber auch für Ehrenamtliche. Außerdem betreibt die Pfarrei eine katholische Kindertagesstätte. Die Malteser engagieren sich in Stralsund mit einem Hundebesuchsdienst und „Essen auf Rädern“.

 

In den Touristenhochburgen an der Ostsee zeigt sich in der Urlauberseelsorge ein notwendiges Aufgabenfeld. Allein die Inseln Rügen und Hiddensee verzeichnen rund sechs Millionen Übernachtungen im Jahr. Saison ist immer. Während im Sommer die Familien die Inseln erobern, sind es im Herbst und Winter die älteren Gäste, die den nördlichen Teil Vorpommerns erkunden wollen. Wie gut Seelsorgeangebote für Touristen angenommen werden, zeigten in den beiden vergangenen Sommern die Projekte des Erzbistums Berlin „Urlaub für die Seele“, die in Binz und in Zingst durchgeführt wurden. Ab dem 1. Januar 2016 soll sich nun ein eigener Tourismusseelsorger dieser Herausforderung annehmen.

 

Und in Demmin? In der Hansestadt an der Peene ist vom Massentourismus der Ostsee nur wenig zu spüren. Und auch das Engagement der Caritas fällt geringer aus als in Stralsund. In der 12.000-Einwohnerstadt betreibt die Caritas bislang ein Stadtteilbegegnungszentrum und bietet Jugendgerichtshilfe. „Wir hoffen, dass insbesondere die Caritas hier bei uns in Demmin bleibt“, meint Pfarrer Peter Szczerbaniewicz. Das sieht derzeit jedoch schwierig aus. „Wir werden unsere Arbeit in der Begegnungsstätte in Demmin in dieser Form 2017 beenden“, bestätigt auch Burghardt Siperko, Leiter der Caritas Vorpommern. So haben sich aus dem Angebot der Tagesstätte keine weiteren Angebote entwickelt. Er räumt aber auch ein, dass dies kein automatischer Rückzug sein soll. Soziale Beratung in einem Kleinbus, der zwischen Altentreptow, Demmin und Grimmen über die Dörfer fährt, kann er sich auch gut vorstellen. Das Pilotprojekt dazu läuft seit 2014 mit dem CariMobil in den Bereichen Pasewalk und Anklam in Vorpommern. „Das ist aber auch eine Frage der Finanzierung: Entweder muss der Landkreis so eine Beratungsform in den örtlichen Sozialplan mitaufnehmen oder das Bistum steigt mit in die Finanzierung ein. Alleine kann die Caritas das nicht anbieten“, ist Burghardt Siperko überzeugt. Wie die ländliche Diasporaregion weiterhin in die Caritas-Arbeit einbezogen werden kann, sieht er in der kommenden Entwicklungsphase deshalb als Herausforderung für alle Beteiligten. „Orte des Zuhörens“, Ansprechpartner in den Kirchengemeinden, die einen Erstkontakt bieten und Hilfe vermitteln, könnte eine Antwort sein.

 

Welche Schwerpunkte sich der künftige Pastorale Raum Demmin-Stralsund-Rügen künftig setzt, wie sich Gemeinden und Orte kirchlichen Lebens ausrichten und vernetzen, wie die verschiedenen Regionen in der künftigen Pfarrei zur Geltung kommen, all das wird in der anstehenden Entwicklungsphase vor Ort erarbeitet. Daher betont auch Andreas Sommer, Pfarrer von Stralsund und in Bergen: „Wie wir uns zusammenfinden, werden die nächsten drei Jahre zeigen.“